Ein Zickzackkurs mit Krisen und Abbrüchen
Mit 37 Jahren bin ich nach einer andauernden Überlastungssituation körperlich und psychisch komplett zusammengebrochen. Ich kam nicht mehr auf die Beine und hatte plötzlich einen unerträglichen inneren Druck, der nicht mehr zurückging und den ich mir nicht erklären konnte, denn eigentlich lief alles gut. Es war eine Qual bis zur nächsten Minute zu kommen, bis ich nach längerer Zeit schließlich Suizidgedanken bekam. Gleichzeitig begann ein intensives Traumerleben. Ich träumte immer wieder von einem schwarzen Käfer, der ein deutliches menschliches Gesicht hatte und vor dem ich in Todesangst erstarrte. Immer stärker überfluteten mich innere und auch körperlich gefühlte Bedrohungszustände, besonders nachts. Im Kontakt war alles weg, ich bekam keinen Zugang mehr dazu und konnte es nicht beschreiben.
Ich begann eine Therapie und mir wurde nach kurzer Zeit ein Klinikaufenthalt empfohlen. Über nichtverbale Methoden wie z.B. Körperarbeit – bei der sich auch körperliche Ohnmacht zeigte – und Maltherapie stellte sich in einem intensiven Prozess heraus, dass ich in meiner frühen Kindheit sexuellen Missbrauch erlebt habe. Der Druck war sofort weg, es war eine Erlösung, weil ich nun eine Erklärung für vieles in meinem Leben hatte und klar wurde, was ich bearbeiten kann. Zu meiner Überraschung wurde mir auch bewusst, dass ich wohl ein gutes Gefühl, aber keine wirklichen Erinnerungen an meine Kindheit hatte. Jeder Blick dorthin löste Schwindel aus, das geht mir teils bis heute so. Inzwischen habe ich durch eigene Erinnerungen und Aussagen meiner Mutter ein zusammenhängendes Bild.
Mein Leben lang hatte ich in bestimmten Situationen heftigste Panikattacken und Stresszustände, ich konnte nicht vor Menschengruppen sprechen, reagiere bis heute mit Kreislaufversagen und Ohnmachten bei ärztlichen und besonders zahnärztlichen Behandlungen. Wurde ich zu direkt angesprochen, erlebte ich mein Umfeld unreal bis dann oft der Kreislauf runterging. Ich habe mit enormer Anstrengung versucht, diese Zustände zu vermeiden und wenn es doch passierte, habe ich sie meisterhaft verborgen. Andererseits bin ich ein überaus bodenständiger und lebenstüchtiger Mensch. Aber der richtig wunde Punkt in meinem Leben war immer Nähe und Beziehung. Beides konnte ich nicht an mich heranlassen und wusste nicht, warum.
Ich bin die Älteste von 5 Geschwistern. Der Alkoholismus meines Vaters beherrschte schon vor meiner Geburt das Familienleben. Einerseits ein sehr gutmütiger Mensch wurde er im betrunkenen Zustand unberechenbar jähzornig, drohend und gewalttätig. Schon als Baby habe er mich „mal richtig durchgelassen, da war Ruhe“. Auch mein Vater war traumatisiert.
Seit meinen ersten Lebensmonaten war ich fast täglich bei einem befreundeten kinderlosen Ehepaar in der Wohnung nebenan. Der Mann holte mich oft alleine ab, während seine Frau ein Geschäft führte. Er war wie vernarrt und nahm mich überall mit hin. Meinen Eltern bot er mehrmals Geld, weil er mich adoptieren wollte. Das Gesicht des Käfers in meinen Träumen war seins. Als ich viereinhalb Jahre alt war zogen wir von dort fort und der Kontakt zu den Nachbarn brach ab.
Von meiner Mutter erfuhr ich, dass ich bereits in meinem ersten Lebensjahr Ohnmachtsanfälle hatte, auch Schwindel, panische Ängste und Brechdurchfälle seit meiner ganz frühen Kindheit. Ich konnte kaum essen und war abgemagert. Jede fremde Situation löste Panik aus. Ich konnte nicht in den Kindergarten gehen und nach der Einschulung war ich krank. Für meine Mutter bedeuteten die Symptome „sich reinsteigern“, „sich anstellen“. Statt mich zu schützen hat sie mich vor anderen ausgelacht, beschämt und sogar mit Schlägen gezwungen. Um mich herum wurde dann alles unwirklich und ich „war weg“. Das durchzog meine gesamte Kindheit. Ich war sehr früh selbständig und habe alles mit mir alleine ausgemacht. Mit dem Wachsen der Familie nahm auch die Gewalt meines Vaters zu, während meine Mutter alles herunterspielte. Nach außen waren wir eine heile Familie.
Heute ist mir klar, dass ich wie in einer Wolke gelebt habe, um mich den unerträglichen Belastungen zu entziehen, an der alle meine frühen Bezugspersonen beteiligt waren. Die sexuelle Traumatisierung durch den Nachbarn und den Wechsel von liebevoller Fürsorge und unberechenbarer Gewalt in meiner Familie konnte ich nur durch Dissoziation überstehen. Das Ausmaß an emotionaler Vernachlässigung und Übergriffigkeit kann ich erst jetzt verstehen.
Nach dem hilfreichen Klinikaufenthalt bin ich 8 Jahre von Therapie zu Therapie gewechselt, immer stärker überflutet von meiner Innenwelt, Albträumen und Körpererinnerungen. Ich habe auch gute stabilisierende Unterstützung erfahren, aber überwiegend Hilflosigkeit bei Therapeuten. Durch die Dissoziation war ich in diesen Situationen schutzlos ausgesetzt, wusste überhaupt nicht, was los war. Hilfesuche durch Therapie habe ich mit teils schweren Retraumatisierungen und krisenhaften Abbrüchen schließlich aufgegeben. Ich konnte niemanden mehr an mich heranlassen und das hat tiefe Spuren hinterlassen. In dieser Zeit wurde ich berentet.
15 Jahre lang habe ich alleine versucht, mit dem Wissen zurechtzukommen, das ich in den Therapien kennengelernt und mir selbst angeeignet habe. Ohne den Zusammenhalt mit einer Freundin aus einer Selbsthilfegruppe hätte ich das nie geschafft. Aber letztlich blieb ich schmerzvoll abgetrennt mit nach wie vor schlimmen inneren Zuständen.
In einer schweren Krise habe ich vor einigen Jahren nach einem stabilisierenden Klinikaufenthalt und mit Unterstützung einer Beratungsstelle wieder eine Traumatherapie begonnen und einen Antrag für den Fonds Sexueller Missbrauch gestellt. Dadurch konnte ich eine sensible Körpertherapie finanzieren, die ich bis heute als Selbstzahlerin fortführe.
Der wohl mutigste Schritt in dieser Zeit war für mich eine Anhörung vor der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“. Es war wohltuend und heilsam, mich mit meiner Geschichte nach außen zu trauen und von einer offiziellen Stelle die Anerkennung als Missbrauchsopfer zu bekommen.
Aber – auch meine jetzige Therapiesituation ist wieder ein Zickzackkurs mit Krisen und Abbrüchen. Hoffnung hatte ich durch die Zusage auf einen Therapieplatz mit Schwerpunkt Bindungstrauma, der jetzt nach einem Dreivierteljahr Wartezeit – überbrückt durch eine Beratungsstelle – wieder abgesagt wurde. Ich weiß noch nicht, wie es weitergehen kann, im Moment nimmt es mir den Boden.
Neben der Körpertherapie brauche ich eine engmaschige, sensible Traumatherapie. Nach meiner Erfahrung ist besonders die fachliche Sicherheit der Therapeutin Voraussetzung, um überhaupt an der Verbindung mit den abgespaltenen Anteilen arbeiten zu können. Mein innerer Druck ist nach wie vor sehr hoch, ich habe Blutdruckprobleme, die sofort runtergehen, wenn ich Kontakt zu diesen Gefühlen komme. Ich mache das inzwischen mit mir selbst, spreche intuitiv mit den Anteilen, um etwas Erleichterung zu bekommen.
Meine größten Ressourcen sind nach wie vor meine Intuition, mein Durchhaltevermögen und meine innere Kraft, mit der ich schließlich bis hierher gekommen bin.
Es würde mich sehr freuen, wenn meine Geschichte anderen weiterhelfen kann.
Der Erfahrungsbericht wurde 2026 eingereicht.
*Name von der Redaktion geändert.
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